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Vietnamesen: Tschechiens künftige Elite

In der Nacht konnte Nguyen Hao nicht einschlafen. Bis früh um drei wälzte er sich unruhig im Bett herum, dann zog er sich schnell etwas an und fuhr mit dem Auto aus Franzensbad ins nahe Cheb. Er parkte vor dem Gymnasium vor Ort und sah bereits das weiße Papier, das ihn nicht hatte schlafen lassen – die frisch angeschlagene Liste der Kinder, die in die Schule aufgenommen waren. Seinen Sohn Martin Dong fand er inmitten derer, die es geschafft hatten. So ging es auch 21 weiteren vietnamesischen Eltern, die während des folgenden Morgens den Anschlag studierten. Und dann verbreitete sich die Neuigkeit in der ganzen Stadt: Jeder Vierte, der in die prestigeträchtige Schule aufgenommen wurde, kommt aus Asien. Dabei ist das kein Zufall, es ist ein Trend. Auf den Vietnamesenmärkten, die in Tschechien auch als Horte der Wirtschaftskriminalität gelten, wächst so langsam die zukünftige Elite des Landes heran.

Nur wenige wollten bleiben

Asiatische Minderheiten gibt es in fast jedem westeuropäischen Land, die Immigration aus Vietnam in die Tschechoslowakei hatte allerdings einen besonderen Zug – sie begann in den 70er Jahren im Rahmen der Ostblock-Beziehungen. Auch nach der Samtenen Revolution blieb das nun freie Land Ziel von Vietnamesen. Kamen sie bis dahin zur Berufsausbildung oder zum Studium, begannen sie nun als Unternehmer in Tschechien tätig zu werden, nahmen ihre Frauen mit und bekamen im neuen Land erste Kinder. „Es war eine sehr schwere Entscheidung, weil unsere Lebenssituation ohne ständige Aufenthaltsgenehmigung sehr unsicher war“, erinnert sich der Cheber Unternehmer Nguyen Thua Ngo. „Erst als ich den Gewerbeschein bekam und mein Unternehmen anlief, kam unsere erste Tochter auf die Welt.“
Soziologen versichern, dass die meisten Vietnamesen den Aufenthalt in Tschechien als zeitweise Verdienstmöglichkeit ansahen, kaum einer plante, sich längerfristig niederzulassen. Die Rückkehr durchkreuzten jedoch die Kinder; sie begannen in ihrer neuen Heimat in die Schule zu gehen, reden hervorragend Tschechisch und Vietnam haben sie in der Regel nur in den Ferien kennen gelernt – also wollen sie gar nicht zurück.
Die tschechische Gesellschaft hat sich zudem an die Vietnamesen sehr schnell gewöhnt und der Rassismus ihnen gegenüber ist im Vergleich zu dem gegenüber den Roma minimal. Obwohl die gebrochen Tschechisch sprechenden Händler häufig das Ziel von Witzen sind, kauft der durchschnittliche Tscheche gerne ihre billigen Waren und auch ihr dienstbeflissenes, stilles Verhalten geht ihm nicht gegen den Strich. In Cheb beispielsweise, der westböhmischen Stadt mit mehr als zehn Prozent vietnamesischer Minderheit, ermittelten Soziologen starke Sympathien für sie unter den Alteingesessenen: Drei Viertel beurteilten ihre Erfahrungen mit Vietnamesen positiv oder neutral, nur ein Viertel schlecht.
Trotz des vergleichsweise konfliktfreien Klimas hat der Zuzug aus dem asiatischen Land einen Schönheitsfehler: Der Ausdruck Vietnamese wurde auch zum Synonym eines nützlichen und liebenswürdigen Betrügers. Der plötzliche Ansturm der Jungen und Mädchen aus Asien auf die prestigeträchtigen Schulen des Landes deutet aber an, dass die Zeit zum Umdenken gekommen ist.
„Ich lerne viel, damit ich nicht bei der Müllabfuhr lande“, antwortet der elfjährige Martin Dong Nguyen leise und in fehlerfreiem Tschechisch. „Ich will Doktor werden.“ Den dritten Platz seines Sohnes bei den Aufnahmeprüfungen zum Gymnasium beging Papa Hao mit einem Abend mit Freunden im Lieblingsrestaurant der Familie in Franzensbad.
Die Nguyens zogen Mitte der 90er Jahre aus Ostrau in die Stadt. In Nordmähren, wo Hao Dreher gelernt hatte und auch heiratete, bekam der kleine Martin Asthma und die Ärzte empfahlen den Umzug in den westböhmischen Kurort. Frau Nguyen hatte in Franzensbad noch Freunde, weil sie früher dort gearbeitet hatte, und so mietete die Familie ein Haus von Bekannten und startete ihr Unternehmen.

Nur kleine Probleme

Obwohl sie zu den wenigen vietnamesischen Familien gehören, die bereits die tschechische Staatsbürgerschaft haben (die Wartezeit beträgt mindestens 15 Jahre) und kräftig auf ein eigenes Haus sparen, flößt Nguyen Hao seinen drei Kindern auch Vietnamesisch ein. Vor der Einschulung in Tschechien fahren sie jeweils für ein Jahr in das Land ihrer Eltern, denn dort beginnt die Schule bereits mit sechs Jahren. „Es war gut, nur hat mich gestört, dass sie uns manchmal zur Strafe mit dem Lineal auf die Finger schlugen“, erzählt Martin über seinen Aufenthalt in Vietnam. Als er zurückkam, sprach er leidlich Vietnamesisch. Heute liest er lieber Harry Potter in tschechischer Übersetzung. Auf die Frage, ob die zugezogene Familie in Tschechien auch problematische Situationen erlebt hat, antwortet er mit entwaffnendem Lächeln und Höflichkeit: „Ich werde doch über niemanden Schlechtes reden. Jeder hat sein kleines Problem, aber wir haben kein großes, wirklich nicht.“
Keine Vorbehalte, keine offene Kritik – das ist eine Besonderheit der vietnamesischen Natur. Die zweite, die bisher auch in Tschechien meist zutraf, ist die starke Abgrenzung. Für Vietnamesen ist es unglaublich schwer Tschechisch zu beherrschen, nach Schätzungen haben rund zwei Drittel Probleme mit der Sprache.

Fortsetzung auf Seite 5

Im Warengroßlager Sapa im Prager Stadtteil Modřany ist gar eine Art Klein-Hanoi entstanden. Im Gewirr der Gassen und Stände gibt es Gechäfte mit vietnamesischen Produkten, Restaurants, eine Karaoke-Bar, einen Frisör, Buchladen, Videoshops und sogar einen buddhistischen Tempel. Das Leben der meisten Vietnamesen in Modřany spielt sich in diesem abgeschlossenen Raum ab, in den Weiße höchstens auf Einladung oder des Handels wegen dürfen. Nur in der Nacht fahren die Zugezogenen in ihre Mietwohnungen. Auch die Freizeit verbringen die Vietnamesen unter sich. Sie haben eine eigene Fußball-Liga, gehen auf Konzerte populärer vietnamesischer Sänger, die manchmal für hohes Eintrittsgeld (rund 1000 Kronen) im Prager Kulturhaus Eden auftreten, können auf eigene Zeitschriften zurückgreifen und sehen über Satellit das staatliche Fernsehen aus Hanoi.
Auch der Vietnamesenmarkt „Dragoun“ in Cheb bestätigt das Bild. Er ist aber auch ein Paradebeispiel für die gemischten Gefühle, die tschechische Beamten den Vietnamesen gegenüber haben. Während Zöllner den Markt als Zentrum der Schattenwirtschaft anprangern, lässt man in Cheb auf die Vietnamesen nichts kommen. 30 Millionen Kronen jährlich plus fünf Millionen verbindlicher Investitionen in die Kasernengebäude des „Dragoun“ bedeuten für die Kreisstadt die höchsten Mieteinnahmen überhaupt – und die Vietnamesen zahlen sie immer zwei Jahre im voraus. Die Händler schaffen zudem Arbeitsplätze für die einheimischen Leute und Firmen, locken Tausende Deutsche auf Kaufzug nach Cheb und unterstützen die Stadt auch noch mit Spenden. „Ohne sie hätten wir uns vielleicht nicht die Rekonstruktion der historischen Straßenzüge, die Schaffung von Radwegen oder das neue Dach des Eisstadions leisten können“, bestätigt der stellvertretende Bürgermeister von Cheb, Václav Jakl (ODS), den vietnamesischen Beitrag zur Stadtkasse.

Tschechische Freunde

„Sehen Sie, das hier ist Džami bei den tschechischen Meisterschaften“, zeigt Nguyen Thua Ngo begeistert ein Foto aus einer Zeitschrift, auf dem eine kleine vietnamesische Tänzerin mit ihrem Partner posiert. „Und schauen Sie hier mal ihre Zeugnisse an“, schiebt der 48-jährige Vater noch einen Stapel Dokumente nach, in dem man fast nur Einsen findet. Die erstgeborene Tochter von Herrn Nguyen, Tra Mi, Džami genannt, ist seit zwei Jahren am Gymnasium, dazu tanzt sie auf Wettkampf-Niveau. Die Kinder akzeptieren sie, ihre Freunde sind nicht nur Vietnamesen. „Als ich Geburtstag hatte, kamen mehr Tschechen. Mit meiner Mama habe ich ihnen vietnamesische Frühlingsrollen gemacht“, erzählt Džami.
Eine wichtige Rolle beim Erfolg der vietnamesischen Schüler spielt das starke Verlangen der Eltern, ihren Nachwuchs studieren zu lassen. „Vietnamesen haben sich immer bemüht, ihren Kindern das Beste zu geben. Ich habe Bekannte, die 20 Stunden täglich am Stand stehen, im Sommer wie im Winter, und alles Geld für die Kindern ausgeben. Sie freuen sich darüber. Sie wollen, dass ihre Kinder einst weiter kommen“, fasst Nguyen zusammen.
Die heutige Generation zieht die zukünftige tschechische Elite heran. Dies bestätigen auch die Zahlen: Auf das Gymnasium in Cheb, das vor fünf Jahren nur ein, zwei Vietnamesen aufnahm, gelangten dieses Jahr 27. Einen ähnlichen Trend verzeichnen die Schulen überall, wo es eine größere vietnamesische Minderheit gibt. Und: Die Kinder, deren Eltern häufig nur gebrochenes Tschechisch sprechen, besiegten die einheimischen Kinder in Tschechisch auf ganzer Linie.
Ein Fragezeichen wird allerdings noch lange bleiben: das der Wirtschaftskriminalität. Die tschechische Gewerbeaufsicht berichtet, dass sie an 70 bis 82 Prozent der Marktstände Unregelmäßigkeiten findet – meist das bekannte Markenfälschen oder schwarzes CD-Brennen. Interessant aber ist, dass das Geschäft auch dann weitergeht, wenn die Zollbeamten Tonnen von Ware beschlagnahmt haben. Im kommunistischen Vietnam erreicht man ohne Bestechung nichts. „Warum sollten sie es also hier nicht auch machen, wo es doch funktioniert?“, fragt der vietnamesische Computer-Programmierer und Intellektuelle Pham Huu Uyen, der Anfang der 90er Jahre in Prag eine regimekritische Zeitschrift herausgab und die tschechische Staatsbürgerschaft hat. „Der tschechische Staat löst das Problem nicht, vorrangig müsste er die Korruption unter den eigenen Beamten beseitigen.“
Doch das Bemühen der vietnamesischen Minderheit, ihren Kindern zu Bildung zu verhelfen, deutet einen Trend an – meint Pham Huu Uyen. „Wir sind nicht wie die Chinesen, die den Kindern das Familienunternehmen übergeben wollen. Vielmehr halten die meisten Vietnamesen, auch wenn sie es nicht zugeben würden, den Handel an den Ständen für etwas Unwürdiges“, erläutert er. „In einem fremden Land und ohne Sprachkenntnisse ist das für sie das derzeit Günstigste. Aber alle investieren, damit ihre Kinder einmal etwas anderes machen können.“

Tschechische Fassung hier.

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